"Nationale Identität" - Palästinensische Gruppe

 

"Nationale Identität" - Israelische Gruppe

 

"Nationale Identität" - Deutsche Gruppe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Be-Gegnung riskieren / Risk the Encounter


Internationales Begegnungsprojekt für junge Israelis, Palästinenser und Deutsche
23. - 30. September 2016 Beit Jala (West Bank / Palästina)
22 Studenten aus Israel (6), Palästina (9) und Deutschland (7)
Initiation und Organisation: Dr. Andrea Leute
Internationales FAB-Leitungsteam: Andreas Beier, Dr. Julia Chaitin, Dr. Avner Dinur, Ahmed Helou, Dr. Andrea Leute, Miriam Meyer, Antwan Saca  
Filmische Dokumentation: Gerburg Rohde-Dahl                        
 


Die drei Studenten-Gruppen waren von ihren jeweiligen nationalen Leitern in mehreren Treffen auf dieses Begegnungsseminar vorbereitet worden. In den vorherigen Monaten war es immer wieder zu tödlichen Messerattacken gekommen. Vor diesem Hintergrund sprachen die Teilnehmer über ihre Ängste und Befürchtungen. In einem geschützten Rahmen wurde den persönlichen Geschichten der Einzelnen sehr viel Raum gegeben zum Zuhören und Bezeugen. Nach einer sehr bewegten Woche trugen alle einen kleinen Funken Hoffnung mit nach Hause.


Was bedeutet es, als junger Palästinenser erleben zu müssen, wie der Steine werfende Freund neben ihm von israelischen Soldaten erschossen wird oder wenn der Vater mehrfach von israelischen Soldaten abgeholt wird und für Jahre im Gefängnis verschwindet? Was bedeutet es, als Kind in einem Flüchtlingslager groß zu werden, wo man sich bei der Essensausgabe wie ein Bettler vorkommt und keine Privatsphäre hat?

    
Die israelischen Teilnehmer sprachen von der Zerrissenheit innerhalb ihrer Gesellschaft. Sie möchten im Ausland als Israeli „willkommen“ geheißen werden anstatt auf Ablehnung zu stoßen. Einige fühlen sich fremd in ihrer eigenen Gesellschaft, die sie als „krank“ empfinden. Und doch wollen sie in dieser Gesellschaft in Sicherheit leben können, ohne Angst vor dem nächsten Terrorangriff.

 

Die deutschen Teilnehmer thematisierten ihre Betroffenheit über die Zunahme von neonazistischen Bewegungen und Rassismus in ihrer Gesellschaft und sprachen über die „Bürde der Vergangenheit“. Der Großvater eines Teilnehmers war während des 2. Weltkrieges in der Nähe des Ortes stationiert, an dem eines der schlimmsten Massaker an Juden verübt wurde, was zu intensiven Nachforschungen und dem Wunsch geführt hatte, „die Schrecknisse des Holocaust nie zu vergessen.“

 

Eine Bustour durch die Westbank führte die Realität des Alltags in der besetzten Zone vor Augen. Bei der Begegnung der Gruppe mit einer sich provozierend verhaltenden Siedlerin rief diese die dort anwesenden israelischen Soldaten herbei, was bei den palästinensischen Studenten große Ängste auslöste. Ein paar Stunden später hatten die Studenten im Kontrast dazu eine inspirierende Begegnung mit den Gründern der rasch wachsenden palästinensisch-israelischen Friedensbewegung für Verständigung, Gewaltfreiheit und Transformation (ROOTS), gegründet von einem jüdischen Rabbi, Zionisten und Siedler sowie einem Palästinenser, der sein Land in der Westbank für Begegnungen und „den Dialog mit dem anderen“ zur Verfügung stellt. (Ali´s Land)

 

Kreatives Arbeiten in vielerlei Formen vertiefte die Prozesse des sich Öffnens und aufeinander Einlassens: Eine Skulptur aus den Mitgliedern der jeweiligen Nation zum Thema „Nationale Identität“ bilden, in Kleingruppen gemeinsame Figuren aus Ton zum Thema „Hope and Frustration“ zu formen oder einen interkulturellen Abend gestalten.

 

In einer Übung konfrontierten sich die Teilnehmer gegenseitig in respektvoller Haltung mit spannungsgeladenen Begriffen wie „Zionismus“, „Nakba“ (Vertreibung der Palästinenser), „Nazi“, „Victim“ (Opfer). Dabei saßen sich zum Beispiel ein ehemaliger israelischer Soldat, der im Krieg 2014 im Gaza-Streifen eingesetzt war und ein Palästinenser, der in diesem Krieg fünfzehn Verwandte verloren hatte, gegenüber. Sie erzählten sich ihre jeweils von Angst und Leid geprägten Erfahrungen und fühlten sich dabei vom „anderen“ anerkannt und gesehen.

 

Jeder der Teilnehmer hat sich im Laufe des Seminars auf einen tiefgehenden inneren Prozess eingelassen. Einige Rückmeldungen aus der Abschlussrunde:

 

„Das Wort „Besatzung“ schockiert mich. Bevor ich hierher kam, glaubte ich, dass „Besatzung“ die Eroberung von Land bedeutet. Jetzt weiß ich, dass es auch bedeutet, „Freiheit zu besetzen“ – ich glaube, das sollte meine Gesellschaft wissen“.  (israelische Teilnehmerin)

 

 „Ich möchte meinen Leuten erzählen, dass die Israelis mir zugehört haben, meinen Schmerz gehört haben. Die Begegnung mit Hanan (dem Rabbi) zeigte mir einen Weg auf, wie ich eine Konversation mit meinen Freunden beginnen kann.“ (palästinensischer Teilnehmer)

 

„Ich erkenne, dass ich aufstehen möchte und mich gegen Neonazismus und gegen Rassismus stellen möchte.“ (deutscher Teilnehmer)

 


Andrea Leute, Oktober 2016