DIALOG in Konflikt-Situationen


Internationales Begegnungsprojekt für Israelis, Palästinenser und Deutsche
12. - 15. Juli 2017 in Beit Jala (West Bank / Palästina)
18 Teilnehmer aus Israel (4), Palästina (6) und Deutschland (8)
Leitung: Dr. Björn Krondorfer

Organisation: Daniela Falkenberg, Andrea Leute

Organisation vor Ort: Julia Lex


             
Die Teilnehmer der Gruppe waren dieses Mal sehr unterschiedlich im Alter (von Anfang zwanzig bis Ende sechzig), und auch in ihren Voraussetzungen, einige von ihnen brachten bereits Erfahrungen aus vorherigen FAB-Seminaren mit, andere nahmen zum ersten Mal an so einem Seminar teil. So zeigten sich viele der Palästinenser, aber auch einige der Deutschen in den ersten zwei Tagen äußerst kritisch gegenüber dem Seminar und seinem Thema.

 

Am Morgen des dritten Tages erreichte die Gruppe die Nachricht, dass drei Palästinenser auf dem Tempelberg in Jerusalem zwei drusische Israelische Polizisten getötet hatten und dann selbst erschossen wurden. Das konfrontierte die Teilnehmer erneut mit der tödlichen Realität des Konflikts und half ihnen, sich zu öffnen und sich als Menschen zu begegnen mit all ihren Schwächen und Verletzungen, ihrem emotionalen Gepäck und ihren konfliktbeladenen Geschichten. So verloren logische Argumente an Wichtigkeit zugunsten eines Mitgefühl füreinander.

 

 

Feedback eines Israelischen Rabbi

Für mich war das FAB-Seminar eine extrem wichtige Erfahrung. Es gab unzählige kleine Geschichten, die erzählt wurden und die auf mich einen tiefen Eindruck machten. Ich bin auf einer Reise, auf der ich meinen Kopf aus dem Sand der letzten 3 1/2 Jahre ziehe, und dieses Seminar war eine bedeutende Station dieser Reise. Ich lebe in einer sehr geschlossenen israelischen Gesellschaft mit so vielen verschiedenen unerkannten Vorurteilen und blinden Flecken. Es wird eine lebenslange Arbeit sein, sie alle herauszufinden, sie zu überwinden und nicht in sie zurückzufallen. Dieses Seminar machte einen tiefen Eindruck auf mich als Teil eines lebenslangen Bewußtseinsprozesses.

Ich muss erwähnen, dass Björn einfach super war. Er ist ein wunderbarer Leiter und ein großes Vorbild für alle von uns. Ich danke ihm von Herzem. Dankbar bin ich auch den FAB-Mitarbeitern für all ihre Arbeit, die das Seminar erst möglich machte. Und zuletzt möchte ich meine Liebe für alle anderen Teilnehmer zum Ausdruck bringen, die mich durch ihre Präsenz und Offenheit zu einem ein klein wenig besseren Menschen gemacht haben.

Ich werde mich sehr bemühen, an einem weiteren FAB-Seminar dieser Art teilzunehmen.

 

Feedback eines Israelischen Lehrers

·       Die Teilnahme eines neutralen und professionellen Leiters und Mediators ist grundlegend. Und die Teilnahme einer dritten Partei half, Brücken zu bauen und gewisse Hindernisse zu überwinden. Ohne Björn Krondorfer (und ohne die deutschen Teilnehmer) wären die palästinensischen und israelischen Teilnehmer bei mehreren Gelegenheiten stecken geblieben. Björn wusste genau, wann er uns freien Raum geben und wann er aktiv intervenieren musste.

·       Die 'Elefanten im Raum'  (Basatzung, Holocaust, gegenseitige Angst) müssen angesprochen und nicht vermieden werden.

·       Hab keine Angst vor Fachausdrücken, religiösen und anderen symbolischen Metaphern. Offenheit und Ehrlichkeit sind heilsam, egal wie schwierig manche Diskussionen sein können.

·       Die Wichtigkeit des Zuhörens, das Teilen von persönlichen Geschichten ist ein wesentlicher Teil des Dialogs, sowohl in der Gruppe als unter Einzelnen (während der Pausen). Themen, die schwer auf der 'nationalen' Ebene zu teilen sind, können oft auf der individuellen Ebene Brücken bauen.

·       Visualisierung hilft, Prozesse, Narrative und Begriffe zu verstehen.

·       Verschiedene Bedürfnisse und Erwartungen müssen unterschiedlich befriedigt werden. Jede Gruppe und jeder ihrer Teilnehmer kommt mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen. Auch wenn nicht jeder gleich berücksichtigt werden kann, gilt es, die Bedürfnisse und Erwartungen eines jeden Einzelnen während des Seminars so gut wie möglich zu befriedigen.

·       Ein strenges Zeitschema ist wichtig. Gleichzeitig ist Flexibilität notwendig (mit der Möglichkeit, Inhalte zeitlich oder inhaltlich zu verschieben oder leicht zu verändern). Die Teilnehmer müssen wissen, was sie jeden Tag erwartet, und sie sollten pünktlich zu jeder Aktivität erscheinen. Wenn der Leiter sieht, dass die Gruppendynamik oder Umstände (z.B. Nachrichten von außen) es notwendig machen, das Programm zu verändern, muss er die Freiheit haben, das auch zu tun.

·       Traumata, Ängste und Frustrationen müssen ernst genommen werden. Alle Teilnehmer müssen die Tatsache anerkennen, dass alle anderen Teilnehmer (in diesem Fall besonders die Palästinenser und Israelis, aber auch die Deutschen) ihre drei Gepäckstücke mit sich bringen. Von Anbeginn muss glasklar sein, dass dies kein Wettbewerb zwischen Leiden und Leidenden ist. Wenn das klar ist, ist es grundlegend, genügend Vertrauen zwischen den Teilnehmern aufzubauen, damit sie sich wohl fühlen und ihre persönlichen Erfahrungen, Traumata, Ängste und Frustrationen mit den anderen teilen können.

·       Die Wichtigkeit von Erziehung. Jede Seite muss so viel wie irgend möglich über die Geschichte des anderen wissen und darüber, wie sie jeweils interpretiert wird. Dieses Lernen muss sich auf gut vorbereitete Quellen beziehen. Idealerweise sollten gutqualifizierte Lehrer von jeder Seite (israelisch und palästinensisch) zusammen lehren. Es gibt keinen Raum für verfälschte Geschichte oder alternative 'Fakten' in einer Erziehung zum Frieden. Völlig falsche Interpretationen müssen angesprochen werden.

·       Auseinandersetzungen finden zwischen Gruppen und zwischen einzelnen Teilnehmern statt. Jeder Teilnehmer verdient Respekt für die Tatsache, dass sie oder er den Mut und die Bereitschaft mitgebracht hat, sich für den Dialog zu engagieren. Es passiert manchmal, dass sich eine Seite verantwortlich fühlt für die Verbrechen oder Handlungen seiner Nation oder sich ihrer schämt. Das ist nicht sehr hilfreich. Das Ziel des Dialogs ist zu allererst, zuzuhören, Fragen zu stellen, zu teilen und zu lernen, und nicht um den Finger zu erheben.

 

 

"Nationale Identität" - Palästinensische Gruppe

 

"Nationale Identität" - Israelische Gruppe

 

"Nationale Identität" - Deutsche Gruppe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Be-Gegnung riskieren / Risk the Encounter


Internationales Begegnungsprojekt für junge Israelis, Palästinenser und Deutsche
23. - 30. September 2016 Beit Jala (West Bank / Palästina)
22 Studenten aus Israel (6), Palästina (9) und Deutschland (7)
Initiation und Organisation: Dr. Andrea Leute
Internationales FAB-Leitungsteam: Andreas Beier, Dr. Julia Chaitin, Dr. Avner Dinur, Ahmed Helou, Dr. Andrea Leute, Miriam Meyer, Antwan Saca  
Filmische Dokumentation: Gerburg Rohde-Dahl                        
 


Die drei Studenten-Gruppen waren von ihren jeweiligen nationalen Leitern in mehreren Treffen auf dieses Begegnungsseminar vorbereitet worden. In den vorherigen Monaten war es immer wieder zu tödlichen Messerattacken gekommen. Vor diesem Hintergrund sprachen die Teilnehmer über ihre Ängste und Befürchtungen. In einem geschützten Rahmen wurde den persönlichen Geschichten der Einzelnen sehr viel Raum gegeben zum Zuhören und Bezeugen. Nach einer sehr bewegten Woche trugen alle einen kleinen Funken Hoffnung mit nach Hause.


Was bedeutet es, als junger Palästinenser erleben zu müssen, wie der Steine werfende Freund neben ihm von israelischen Soldaten erschossen wird oder wenn der Vater mehrfach von israelischen Soldaten abgeholt wird und für Jahre im Gefängnis verschwindet? Was bedeutet es, als Kind in einem Flüchtlingslager groß zu werden, wo man sich bei der Essensausgabe wie ein Bettler vorkommt und keine Privatsphäre hat?

    
Die israelischen Teilnehmer sprachen von der Zerrissenheit innerhalb ihrer Gesellschaft. Sie möchten im Ausland als Israeli „willkommen“ geheißen werden anstatt auf Ablehnung zu stoßen. Einige fühlen sich fremd in ihrer eigenen Gesellschaft, die sie als „krank“ empfinden. Und doch wollen sie in dieser Gesellschaft in Sicherheit leben können, ohne Angst vor dem nächsten Terrorangriff.

 

Die deutschen Teilnehmer thematisierten ihre Betroffenheit über die Zunahme von neonazistischen Bewegungen und Rassismus in ihrer Gesellschaft und sprachen über die „Bürde der Vergangenheit“. Der Großvater eines Teilnehmers war während des 2. Weltkrieges in der Nähe des Ortes stationiert, an dem eines der schlimmsten Massaker an Juden verübt wurde, was zu intensiven Nachforschungen und dem Wunsch geführt hatte, „die Schrecknisse des Holocaust nie zu vergessen.“

 

Eine Bustour durch die Westbank führte die Realität des Alltags in der besetzten Zone vor Augen. Bei der Begegnung der Gruppe mit einer sich provozierend verhaltenden Siedlerin rief diese die dort anwesenden israelischen Soldaten herbei, was bei den palästinensischen Studenten große Ängste auslöste. Ein paar Stunden später hatten die Studenten im Kontrast dazu eine inspirierende Begegnung mit den Gründern der rasch wachsenden palästinensisch-israelischen Friedensbewegung für Verständigung, Gewaltfreiheit und Transformation (ROOTS), gegründet von einem jüdischen Rabbi, Zionisten und Siedler sowie einem Palästinenser, der sein Land in der Westbank für Begegnungen und „den Dialog mit dem anderen“ zur Verfügung stellt. (Ali´s Land)

 

Kreatives Arbeiten in vielerlei Formen vertiefte die Prozesse des sich Öffnens und aufeinander Einlassens: Eine Skulptur aus den Mitgliedern der jeweiligen Nation zum Thema „Nationale Identität“ bilden, in Kleingruppen gemeinsame Figuren aus Ton zum Thema „Hope and Frustration“ zu formen oder einen interkulturellen Abend gestalten.

 

In einer Übung konfrontierten sich die Teilnehmer gegenseitig in respektvoller Haltung mit spannungsgeladenen Begriffen wie „Zionismus“, „Nakba“ (Vertreibung der Palästinenser), „Nazi“, „Victim“ (Opfer). Dabei saßen sich zum Beispiel ein ehemaliger israelischer Soldat, der im Krieg 2014 im Gaza-Streifen eingesetzt war und ein Palästinenser, der in diesem Krieg fünfzehn Verwandte verloren hatte, gegenüber. Sie erzählten sich ihre jeweils von Angst und Leid geprägten Erfahrungen und fühlten sich dabei vom „anderen“ anerkannt und gesehen.

 

Jeder der Teilnehmer hat sich im Laufe des Seminars auf einen tiefgehenden inneren Prozess eingelassen. Einige Rückmeldungen aus der Abschlussrunde:

 

„Das Wort „Besatzung“ schockiert mich. Bevor ich hierher kam, glaubte ich, dass „Besatzung“ die Eroberung von Land bedeutet. Jetzt weiß ich, dass es auch bedeutet, „Freiheit zu besetzen“ – ich glaube, das sollte meine Gesellschaft wissen“.  (israelische Teilnehmerin)

 

 „Ich möchte meinen Leuten erzählen, dass die Israelis mir zugehört haben, meinen Schmerz gehört haben. Die Begegnung mit Hanan (dem Rabbi) zeigte mir einen Weg auf, wie ich eine Konversation mit meinen Freunden beginnen kann.“ (palästinensischer Teilnehmer)

 

„Ich erkenne, dass ich aufstehen möchte und mich gegen Neonazismus und gegen Rassismus stellen möchte.“ (deutscher Teilnehmer)

 


Andrea Leute, Oktober 2016